Kapitel 2 aus "Die überwundene Grenze - Geschichte der ..."


... Verhandlungen müssen bis Ende August / Mitte September zum Abschluss gekommen sein und führten im Ergebnis zu einer ab dem 31.8.1945 ausgeführten, drei Tage währenden Ausplünderung des Gutes durch die sowjetische Besatzungsmacht, die sich dazu der zwangsweise abgenötigten Hilfe der Bauern aus Kirchgandern und Arenshausen bediente (44).  In einem Schreiben des Landrates des Landkreises Eichsfeld (die Landkreise Worbis und Heiligenstadt wurden am 8.8.1945 zum Landkreis Eichsfeld zusammengelegt (45)), vom 20.9.1945 an das Landesamt des Innern in Weimar (46), als Antwort auf eine mit Verfügung vom 23.8.1945 gestellte Abfrage an die Landräte zum Verlauf der russischen Besatzungszone (47) heißt es unter anderem:

 

„a) Der Kreis Eichsfeld ist bis auf das zur Gemeinde Kirchgandern gehörende Gut Besenhausen vollkommen von den Russen besetzt. Das Gut ist seit 5 Tagen von den Engländern besetzt.“

 

Der zeitliche Ablauf der Geschehnisse, besonders der Vermerk im vorgenannten Schreiben, legen den Schluss nahe, dass das Gut Besenhausen spätestens am 15.9.1945 in den Verantwortungsbereich der Briten überstellt und dies vermutlich bereits am 12.9.1945 in dem schon erwähnten Abkommen der gemeinsamen Grenzaufklärungskommission in Braunlage vereinbart wurde. De facto existiert hierüber kein anderslautender schriftlicher Nachweis, sodass angenommen werden muss, das die Verschiebung der ehemaligen preußischen Provinzgrenze Hannover / Sachsen nach Osten, auf die heute noch gültige Lage, als Gebrauchsgrenze bis zum Abschlussprotokoll der Gemeinsamen Grenzkommission von Bundesrepublik und ehemaliger DDR am 8.4.1976 Gültigkeit hatte und erst mit diesem Protokoll, als Teil des Grundlagenvertrages zwischen Bundesrepublik und DDR, völkerrechtlich relevant und bindend wurde. Der wohl bekannteste Gebietsaustausch ereignete sich im September 1945 im südlichen Dokumentationsbereich zwischen der amerikanischen und sowjetischen Besatzungsmacht,  und hatte seine Ursache in der für die Amerikaner so wichtigen Bahnlinie Göttingen-Bebra, die als Nord-Süd-Verbindung von eminenter Bedeutung für die Versorgung der US-Truppen in Süddeutschland war.

 

Im 2. Londoner Zonenprotokoll war den Amerikanern das Gebiet um Bremen und Bremerhaven als Enklave in der britischen Zone überantwortet worden, um ihnen einen Seehafen an der deutschen Küste einzuräumen, über den sie die Versorgung ihrer Truppenkontingente, auf dem kürzesten Weg durch die britische Zone hindurch, vornehmen konnten. Die hierfür benötigte Bahnlinie verlief von Bremerhaven über Hannover nach Göttingen, von dort über Eschwege nach Bebra und von dort in den süddeutschen Raum. Einer der kritischsten Bereiche auf dieser Strecke war der Abschnitt im Raum Werleshausen-Oberrieden, in dem die Streckenführung durch den Landkreis Heiligenstadt (später Landkreis Eichsfeld) führte, und wo zudem noch die Reste des im April 1945 von deutschen Truppen gesprengten Viaduktes über die Werra standen. Die Amerikaner hatten unmittelbar nach der Besetzung durch ihre Truppen mit der Instandsetzung des Viaduktes begonnen und konnten nach Erstellung einer provisorischen Brücke den Bahnverkehr am 10.8.1945 wieder aufnehmen. Dabei gingen sie zunächst von einer Tolerierung der Durchfahrt sowjetisch besetzten Gebietes aus, bis sich ab Mitte August 1945 zunehmend Störungen des Bahnverkehrs einstellten, weil die sowjetischen Truppen am Haltepunkt Werleshausen die als Militärzüge der US-Truppen deklarierten Züge stoppten und Kontrollen unterzogen. Diese willkürlich erfolgenden Handlungen sowjetischen Militärs führten zunehmend zur Eskalation und gipfelten in der Schusswaffenanwendung gegen einen deutschen Lokomotivführer, der hierbei getötet wurde. Mitte September erreichten die Handlungen den Zustand einer dreitägigen Blockade der Bahnlinie, welche der US-Army auf dieser Hauptstrecke erhebliche Mühen bei der Umleitung der lebenswichtigen Transporte bereitete. Hierin ist wohl auch das Motiv für den am 17.9.1945 in der Nähe Eschweges im Gasthaus Kalkhof bei Wanfried zu Papier gebrachten Kompromiss zwischen Amerikanern und Sowjets zu sehen. In diesem als sogenannten Wanfrieder Abkommen (48) bekannt gewordenen Kontrakt, der völkerrechtlichen Charakter trug, wurde das Gebiet der Gemeinden Werleshausen und Neuseesen, beide im Landkreis Eichsfeld und somit in der SBZ gelegen, in die amerikanische Zone abgetreten und in den Landkreis Witzenhausen integriert. Als ...


Abb. 6


Gebietsaustausch nach dem Wanfrieder Abkommen vom 17.9.1945