Kapitel 3 aus "Die überwundene Grenze - Geschichte der ..."


... Für jede Unterkunft muß ein Lagerleiter mit dem erforderlichen Hilfspersonal eingesetzt werden. Insgesamt werden etwa 50 Personen benötigt.

6.) Aufgaben des Polizeileiters:

Neben dem Ordnungs- und Sicherheitsdienst kommt in erster Linie die Bewachung der Unterbringungslager in Betracht. Die Einzelheiten regelt der Kreisführer in einer besonderen Anweisung an die Polizisten. (Straßendienst, Lagerdienst, Bahnhofsüberwachung, Kontrolle der Fahrzeuge) …

7.) Aufgaben des Registraturleiters:

Die Einzelheiten sind in der Niederschrift von Weimar vom 19.10.45 geregelt. Zur Registrierung sollen nur Personen zugelassen werden, die eine ordnungsgemäße Abmeldebescheinigung vorlegen können. Auf diese Weise sollen Missbräuche des Grenzverkehrs verhindert werden. Die Registrierung für die Ankommenden aus dem Westen erfolgt unmittelbar im Anschluß an den Grenzübertritt in Kirchgandern in der Gastwirtschaft Kaspari.“

 

Das vorstehende Dokument und der Zeitzeugenbericht beschreiben eindrucksvoll, welch prekäre Situation in der Mitte Deutschlands, im Wesentlichen durch die in Jalta und Potsdam gefassten Beschlüsse hervorgerufen,  entlang der D-Linie der SBZ zu den Westzonen vorherrschte. In Bezug auf den Austausch von Flüchtlingen, von deutschen Behörden auch „Durchschleusung“ genannt, wurden seitens der Westalliierten organisierte und geplante Unternehmungen durchgeführt. So wurden beispielsweise bis zum Herbst 1946 im Rahmen der Operation Honeybee (86) Rückführungen von Flüchtlingen und Evakuierten aus der britischen Zone, über Gerblingerode nach Teistungen, in die SBZ vorgenommen. Im Rahmen dieser Durchschleusungen hatten die Briten in Gerblingerode Hilfspolizisten eingestellt, die zusammen mit britischen Truppen die Abfertigung durchführten. Als die Durchschleusungen in Gerblingerode-Teistungen beendet waren, wurden diese Hilfspolizisten noch bis Ende 1946 in Zusammenarbeit mit regulärer niedersächsischer Polizei zur Überwachung der D-Linie eingesetzt (87). Bis Anfang 1946 verschlimmerten sich diese Zustände in allen vier Besatzungszonen auf dramatische Weise. Die in den Wirren des Zusammenbruchs nur teilweise eingefahrene Ernte führte zu einer schlimmen Versorgungslage der Bevölkerung, maßgeblich in den Städten. Die beginnenden Demontagen der noch verbliebenen Produktionsstätten und Infrastruktureinrichtungen (über das im gemeinsamen Kontrollrat festgelegte Industrieniveau hinausgehend) trugen vor allem in der SBZ zur Verknappung der Wirtschaftsgüter und Verschärfung der Gesamtlage bei. In dieser Zeit wurden die tatsächlich unterschiedlichen Absichten der Besatzungsmächte in der Behandlung Deutschlands, trotz der in Jalta und Potsdam offiziell verkündeten, aber nicht wirklich vorgenommenen gemeinsamen Herangehens- und Handlungsweise, deutlich.

 

Während Amerikaner und Briten die Lösung der Reparations- und Entschädigungsfragen erst nach einer einigermaßen durch die Deutschen selbst erbrachten und finanzierten Sanierung Deutschlands angehen wollten, strebten die Franzosen die dauerhafte Ausschaltung Deutschlands als europäischen Wirtschaftsfaktor und bedeutendes Staatsgebilde an. Die Sowjets wiederum bemühten sich um  Ersatz und Ausgleich ihrer kriegsbedingten Lasten und um Sicherung ihres Staatsgebietes durch Vorlegen eines „Satellitengürtels“ (88). Deutlich wurden die unterschiedlichen Ansichten während der Tagung des Rates der Außenminister vom 10.9.1945 bis 2.10.1945 in London (die Einrichtung des Rats der Außenminister wurde von den Siegermächten in Potsdam beschlossen, um Friedensverträge mit den ehemals mit Deutschland verbündeten Staaten vorzubereiten und gesamtdeutsche Fragen zu erörtern; 1. Konferenz des Rates der Außenminister). In deren Verlauf forderte die Sowjetunion, unterstützt durch Briten und Amerikaner, eine gemeinsame deutsche Zentralregierung zur Koordinierung wirtschaftlicher und anderer existenzieller Belange, was die Franzosen jedoch strikt ablehnten und ihrerseits die Forderung nach Abtrennung des Rhein-Ruhr-Gebietes aufstellten. Die Sowjets wollten diesem französischen Vorschlag nur zustimmen, wenn das Gebiet unter internationale Kontrolle gestellt würde, worin die Amerikaner und Briten den Versuch zur Erweiterung der sowjetischen Einflusssphäre in die westlichen Besatzungszonen sahen, der sie auf keinen Fall zustimmen wollten (89).  Auf der in Moskau folgenden, vom 16.12.1945 bis 26.12.1945 tagenden 2. Konferenz des Rates der Außenminister verschärften sich die Gegensätze zwischen den Westalliierten und Sowjets  dadurch, dass die Briten und Amerikaner das sowjetische Verhalten bei der Durchführung von Demontagen und die Entnahme von Reparationen (auch aus der laufenden Produktion) in der SBZ rügten und die Sowjets zur Einhaltung der hierzu getroffenen Vereinbarungen anhielten (die Sowjets erhielten Reparationsgüter aus der britischen und amerikanischen Zone überstellt und hatten sich verpflichtet, als Gegenleistung Nahrungsmittel in die Westzonen zu liefern, eine Zusage, welcher sie nur schleppend und unvollständig nachkamen).

 

Die ausbleibenden Nahrungsmittellieferungen aus der SBZ hatten den Westzonen zusätzliche Schwierigkeiten bereitet und die Ernährungslage dramatisch zugespitzt. Um einerseits die westlichen Reparationsforderungen gegen Deutschland zu koordinieren und andererseits aber die Ernährung und wirtschaftliche Existenz der Westzonen gewährleisten zu können, hatten die Westalliierten, ohne Beteiligung der Sowjetunion, bereits im Januar 1946 in Brüssel eine internationale Reparationsagentur (IARA) eingerichtet. Um nun den 18 in der IARA vertretenen Nationen, vornehmlich Staaten Westeuropas, Nordamerikas, des Commonwealth of Nations, dazu die Tschechoslowakei, Albanien und Jugoslawien, überhaupt den Erhalt deutscher Reparationen sichern zu können, entschlossen sich die USA, nachdem auch nach der 1. Sitzungsperiode der 3. Konferenz des Außenministerrates in Paris (25.4.1946-16.5.1946) keine Einigung über die Reparationsleistungen mit den Sowjets erzielt werden konnten, am 25.5.1946 zur Einstellung der Reparationsleistungen aus der amerikanischen Zone an die Sowjets.

 

Die Einstellung der Leistungen aus der amerikanischen Zone kann als Wendepunkt in den Beziehungen der Westalliierten zu den Sowjets gesehen ...


Abb. 12


Refugees-Exchange-Point Besenhausen im Jahr 1953